Beruhigung fürs Herz über den Vagusnerv

Immer wieder berichten unsere Patientinnen und Patienten, dass sie seit ihrer Herzerkrankung deutlich weniger belastbar seien. Sie halten Zeitdruck nicht aus, schlafen unruhiger und können sich schlecht konzentrieren.  Bereits kleine Anforderungen, wie die Vorbereitungen für einen Wochenendausflug, bringen sie rasch an ihre Grenzen. Das Stimmengewirr eines eigentlich herbeigesehnten Familientreffen ist nach kurzer Zeit kaum erträglich und nur mehr anstrengend.

Ganz typisch für dieses Überforderungsgefühl ist die starke körperliche Komponente wie intensiv spürbares Herzklopfen, vermehrtes Schwitzen, unregelmäßige Atmung sowie Zittern und Unruhe. Der Körper verweigert das, was er über viele Jahre ganz selbstverständlich geleistet hat und zeigt sich bei vielen Anforderungen des täglichen Lebens rasch gestresst. Auf „vernünftige“ Beruhigungsversuche („Das ist doch eine Kleinigkeit!“, „Das ist doch kein Grund sich aufzuregen!“) reagiert er genau so wenig wie ein tobendes Kleinkind, das sich brüllend am Boden wälzt. Die Botschaft kommt einfach nicht an!

Eine Hauptursache für die geringere Stresstoleranz ist eine erhöhte Ausschüttung von Stresshormonen, besonders Cortisol, im Gehirn. Das Cortisol ist dafür zuständig, uns wach und aktiv zu halten, der Cortisolspiegel ist normalerweise in der Früh höher und sinkt gegen Abend hin ab, um einen ruhigen Schlaf zu ermöglichen.

Allerdings kommt es auch im Laufe eines Tages immer zu unterschiedlichen Aktivierungszuständen unseres Körpers: wenn wir Zeitdruck haben, wenn wir uns über etwas ärgern, wenn wir uns auf etwas besonders freuen, alles hebt das Aktivierungsniveau unseres Körpers an. Die Cortisolausschüttung erhöht die Muskelspannung, den Blutdruck und die Herzrate und lässt uns rascher atmen. Sie bereitet uns also auf (körperliche) Anforderungen vor. Diese Schwankungen im Tagesverlauf sind ein Zeichen für die Anpassungsfähigkeit unseres Körpers und helfen uns dabei, die unterschiedlichen Aufgaben bewältigen zu können. Im Normalfall haben wir einen breiten Toleranzbereich. Bleibt unser Erregungsniveau innerhalb dieses Bereichs, können wir mit Belastungen gut um gehen.

Wenn unser Gehirn aber „Gefahr“ wahrnimmt (und das kann z.B. auch eine berufliche Aufgabe sein, der wir uns nicht gewachsen fühlen), schüttet es viel mehr Cortisol aus. Es bereitet unseren Körper also, wie schon zu Urzeiten, auf Kampf oder Flucht vor. Die körperlichen Reaktionen sind dann deutlich ausgeprägter, man spürt starkes und rasches Herzklopfen, schwitzt und atmet schwer. Geistige Anforderungen sind schwieriger zu bewältigen, da die Versorgung der Muskeln im Vordergrund steht. Ist die „Gefahr“ vorüber, sinkt der Cortisolspiegel ab, das System beruhigt sich wieder.

Handelt es sich jedoch um ein lebensbedrohliches Ereignis wie z.B. einen Herzinfarkt oder eine Herzoperation, so wird eine besonders hohe Gefahr wahrgenommen. Damit verbundene Untersuchungen, operative Eingriffe, der Spitalsaufenthalt (besonders ein Aufenthalt auf der Intensivstation) und vieles mehr führen zu weiterem Stress und verhindern häufig, dass sich wieder Beruhigung einstellt. Auch nach der Heimkehr vom Krankenhaus herrscht oft die Unsicherheit, was man sich zumuten kann, man hat Angst vor einem neuerlichen Herzereignis. Jede Wahrnehmung in der Herzgegend wird unruhig beobachtet. So bleiben der Cortisolspiegel und damit das Stressniveau des Körpers deutlich über dem normalen Bereich. Eine weitere Erhöhung durch Anforderungen im Alltag führen sehr rasch aus dem Toleranzbereich heraus und zu einem Gefühl der Überforderung.

Für die Monate nach dem Herzereignis ist es daher sehr wichtig, sich nicht zu viel zuzumuten.  Die Vermeidung von Lärm und Hektik schützt vor zu vielen und intensiven Reizen. Regelmäßige Bewegung, z.B. Spaziergänge im Freien, und die Verfügbarkeit von Rückzugsmöglichkeiten für eine kurze „Auszeit“ helfen dem Körper, den Cortisolspiegel zu senken und das Aktivierungsniveau wieder zu stabilisieren.

Solange noch sehr viel Unruhe im Körper wahrgenommen wird, kann längeres Sitzen oder Liegen als unangenehm empfunden werden. Auch viele Entspannungsübungen sind dann oft nicht wirksam. In diesem Fall sind Übungen, die direkt beruhigend auf das autonome Nervensystem wirken, besser. Sogenannte „Vagusübungen“ stimulieren den Vagus, den zehnten Hirnnerv, der an den meisten Regulationsvorgängen des autonomen Nervensystems für unsere inneren Organe beteiligt ist. Dadurch können Herzschlag, Blutdruck, Atemfrequenz und Muskelspannung positiv beeinflusst werden.

Im Folgenden fiinden Sie drei Übungen, die über unsere Kopfnerven den Vagus stimulieren und beruhigend auf unseren Körper wirken:

  • Drücken Sie mit den Händen vorsichtig gegen Ihre geschlossenen Augen.

  • Strecken Sie die Zunge zuerst weit nach vorne, rollen Sie die Zunge dann nach oben ein und drücken sie fest gegen den Gaumen.

  • Spannen Sie die Schläfenmuskeln ganz fest an, dabei wird auch die Stirn gestrafft und die Augenbrauen wandern nach außen.

Wiederholen Sie jede Übung mehrere Male und achten Sie dabei auf eine ruhige Atmung. Das Ausatmen sollte jeweils länger dauern als das Einatmen.

Viel Spaß und Erfolg beim Ausprobieren wünscht Ihnen

Mag. Margit Gorgi