Was ist, wenn was passiert?

In der Krise reagiert jeder anders.

Die Amerikaner kaufen Waffen, weil sie immer noch glauben, die Indianer greifen an. Die Franzosen kaufen Rotwein. Denn nach einer Flasche Rotwein ist alles halb so schlimm. Und bei uns ist das Klopapier ausverkauft. Wahrscheinlich aus der praktischen Erfahrung, dass Angst Durchfall verursacht. (Daher kommt auch das Schimpfwort: „Du Scheißer“ oder „Du Hosenscheißer“, wenn sich wer etwas nicht traut).

Jeder geht mit Angst anders um.

Meine Art mit der Angst vor dem Virus umzugehen ist, Berechnungen anzustellen. Ausbreitungsgeschwindigkeit, Sterberate, Genesungsrate, Risikogruppen, Erreichen der Herdenimmunität, ... Das gibt mir ein Gefühl von Kontrolle. Das ist etwas, was wir gar nicht wollen, die Kontrolle verlieren. Dann machen wir komische Dinge, wie Hamsterkäufe. Warum ist Germ aus? Backen jetzt alle ihr Brot selbst? Am besten habe ich gefunden: "Ich kaufe alles, wovon nicht mehr viel da ist. Es muss ja einen Grund geben warum die Sachen fast aus sind." Nach dem Prinzip der Schwarmintelligenz: "Die anderen werden schon wissen warum."

Was ist, wenn wieder was passiert?

Erkrankungen des Herzens erzeugen besonders viel Angst. Lässt sich daraus etwas für die aktuelle Situation lernen? Bei den Gesprächen mit Patienten im Herz-Kreislauf-Zentrum ist eine häufige Frage: "Was ist, wenn wieder was passiert?" Diese Menschen haben erlebt wie schnell das Leben bedroht sein kann und sie brauchen auf diese Frage eine Antwort.

Eine, unter Anführungszeichen, blöde Antwort ist:

"Wenn man den Beobachtungszeitraum nur groß genug macht, dann passiert immer was." Wir Menschen sind einfach vergängliche Wesen. Irgendwann gibt es eine Erkrankung oder ein Organversagen, welches unserem Leben ein Ende setzt. Wir können alt werden, manche werden sehr alt, vielleicht hundert, aber kein Mensch ist 200 oder 500 Jahre alt geworden. Unserer Existenz sind einfach Grenzen gesetzt.

Das Paradoxe an der Antwort ist, dass sie meist eine erleichternde Wirkung hat.

Eine mögliche Erklärung wäre: Wenn ich einkalkuliere, dass irgendwann "was sein wird", dann habe ich die Kontrolle zurückgewonnen. Wichtiger aber ist, dass ich meiner Angst ins Auge gesehen und dabei festgestellt habe, dass ich es aushalten kann. Wenn mir das gelingt, bin ich innerlich gewachsen. Ein Patient hat gemeint, es ist ein Gefühl, als ob der Horizont etwas weiter und heller geworden wäre.

Wenn die Angst fragt: "Was ist, wenn was passiert?"
Antwortet die Einsicht: "Irgendwann passiert immer was."

Mag. Alexander Urtz MBA
Klinischer- und Gesundheitspsychologe im Herz-Kreislauf-Zentrum Groß Gerungs