Von Schutzengeln und Schutzheiligen

Wer ist Dave?

Dave passt auf mein Fahrrad auf.

Dave ist ein bisschen sonderbar. Er trägt eine Kutte, ist nicht besonders helle und außerdem versteht er nur Englisch. Offensichtlich hat er es nie geschafft, eine zweite Sprache zu lernen. Dafür ist er aber sehr verlässlich und somit optimal geeignet auf meine Sachen aufzupassen. Ich brauche nur zu sagen: „Dave take care“, er nickt pflichtbewusst und ich gehe gelassen meiner Wege.

Dave gibt es nicht wirklich. Es gibt ihn nur in meiner Vorstellungswelt, in meinem Kopf. Ich weiß schon, dass er gegen einen echten Fahrraddieb nichts ausrichten kann und ich verwende daher ein Fahrradschloss. Trotzdem erfüllt er für mich eine wichtige Funktion: Ich habe keine Angst mehr um mein Fahrrad.

Früher begleitete mich diese  oft den ganzen Tag. Diese Angst war eine Belastung, und verschlechterte meine Konzentration auf wichtigere Dinge.  

Heute sage ich: „Dave take care.“ Und mit dieser Zauberformel verschwende keinen Gedanken mehr bezüglich eines möglichen Diebstahls.  Im Islam gibt es ein passendes Sprichwort: „Vertraue auf Gott, doch vergiss nicht dein Kamel anzubinden.“

Es gibt Situationen im Leben, die sich unserer Kontrolle entziehen. Das verursacht Unbehagen und Angst. Die Kontrolle einer vorgestellten Person zu übertragen, kann hier helfen. Tatsächlich greifen dabei in unserem Gehirn dieselben Mechanismen, als würden wir die Aufgabe einer realen Person anvertrauen. Nicht umsonst gibt es so viele Schutzheilige und Schutzengel. Sie helfen, mit verschiedenen Ängsten besser zurechtzukommen.

Eine Patientin hatte große Angst um ihren Enkel der gerade fünfzehn Jahre geworden war. Moped, Fortgehen, Alkohol, … sie konnte gar nicht mehr schlafen. Als er noch klein war, war sie immer für ihn da. Sie verstanden sich nach wie vor gut, doch ihre Ängste wurden zusehends eine Belastung für ihre Beziehung. Sie biss sich oft auf die Zunge um ihn nicht schon wieder vor irgendwelchen Gefahren zu warnen. „Wenn ich diese Sorgen doch einfach loslassen könnte“, war ihr größter Wunsch.

Im Wort Sorge steckt auch das Verb: für jemanden sorgen. Im neuen Leben des Enkels kann die Patientin nicht mehr für ihn sorgen, dafür wurden die Sorgen übermächtig.

Ich erzählte ihr von Dave und der Idee diese Sorge jemanden anderem, einer imaginären Person, zu übertragen. Im Gespräch fiel ihr das Bild eines Schutzengels ein, welches als  Kind über ihrem Bett hing. Auch ein Schutzengelgebet von damals fiel ihr wieder ein.  Der Gedanke, dass dieser Schutzengel jetzt für ihren Neffen da war gefiel ihr sehr gut. Jetzt passte er auf und sie konnte sich entspannen.

Mag. Alexander Urtz

Foto: pixabay