Unser Leben „auf Autopilot“

Wir Menschen verbinden den Zustand unseres „Wachseins“ gern mit der Annahme, dass wir in dieser Zeit alle unsere Handlungen bewusst ausführen. Viele Studien, die Menschen in Alltagssituationen über einen längeren Zeitraum begleitet haben, zeigen aber ein anderes Bild: wir verbringen ein Drittel bis die Hälfte unseres Wachseins „auf Autopilot“. Tägliche Routinen wie Zähne putzen oder die morgendliche Dusche laufen ebenso nach einem festen Schema ab wie der Weg zur Arbeit oder viele Essensentscheidungen.

Unser Tagesablauf ist stark geprägt von Gewohnheiten, die automatische Handlungsmuster darstellen. Diese Gewohnheiten sind in tiefen, entwicklungsgeschichtlich alten Hirnregionen abgespeichert. Tritt keine Störung bei der Durchführung auf, benötigen wir unsere höheren Hirnregionen (den Neocortex, der uns zum Menschen macht) dafür nicht. Diese können ihre Energie auf andere Aufgaben richten, was uns z.B. eine nette Unterhaltung beim Essen ermöglicht. Wir müssen ja nicht mehr überlegen, in welche Hand wir Messer und Gabel nehmen oder mit welchem Werkzeug wir die Suppe in den Mund bekommen.

Gewohnheiten erleichtern uns den Alltag, sie helfen unserem Gehirn beim „Energiesparen“ indem sie wenig neuronale Kapazität beanspruchen, sie sind „neuronal billig“, wie der Hirnforscher Gerhard Roth sagt. Sie bedeuten ebenfalls das Einspeichern von komplexen Bewegungsmustern, die Höchstleistungen im Leistungssport oder virtuose Musikdarbietungen (von Marcel Hirscher bis Niccolò Paganini) überhaupt erst möglich machen.

Gewohnheiten vermitteln uns aber auch ein Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit in unserem Leben, dem ja im Grunde jede Vorhersagbarkeit fehlt. Rituale sind Gewohnheiten, denen wir eine tiefere Bedeutung geben, sie laufen immer gleich und somit vorhersagbar ab. Gesellschaftliche Rituale, die „Gewohnheiten einer kulturellen Gemeinschaft“, sind genau aus diesem Grund so mächtige Instrumente.  Ein individuelles Einschlafritual wiederum hilft Kindern, ihre Ängste vor der Dunkelheit und vor schlechten Träumen zu bewältigen. Auch in unserem Erwachsenenleben gibt es liebgewordene Rituale, die wir nicht missen wollen.

Unzählige Gewohnheiten begleiten uns durch unser Leben, sie sind ein Teil von uns geworden. Sie entwickeln sich von frühester Kindheit an aus Spiel, vielen verschiedenen Handlungs- und Lösungsversuchen sowie ständigen Wiederholungen. Je positiver wir das Ergebnis einer Handlung wahrnehmen (je unmittelbarer und höher also der „Belohnungswert“ für uns ist), desto eher wird ein Verhalten wiederholt und desto eher entwickelt sich eine Gewohnheit. Starke Emotionen bewirken eine Ausschüttung von „Glückshormonen“ wie Dopamin oder Serotonin, die die Entstehung von Gewohnheiten fördern. Sind Gewohnheiten einmal gut ausgeprägt, tauchen sie aus dem Bewusstsein in tiefere Gehirnbereiche ab, sie bleiben dort fest verankert. Von da an wirken sie verlässlich und erleichtern uns das Leben – wenn es sich um sogenannte „gute“ Gewohnheiten handelt.

Immer wieder bewirkt der kurzfristige Belohnungseffekt durch Hormonausschüttung nämlich, dass wir Gewohnheiten entwickeln, die sich ungünstig auf unser Leben auswirken. Da ist z.B. das Naschen beim Fernsehen, das sich an Bauch und Hüften festsetzt oder die Zigarette, die dem Gehirn innerhalb von wenigen Sekunden ein gutes Gefühl vortäuscht, auch wenn gerade vieles in unserem Leben schiefläuft. Wir kauen an den Nägeln, um Anspannungen zu reduzieren, und trinken Alkohol, um unsere Ängste zu betäuben. Einmal automatisiert bleibt dieses Verhalten als „dysfunktionale“, d.h. schädliche Gewohnheit hartnäckig in unserem Gehirn gespeichert, obwohl unsere Vernunft uns etwas anderes rät.

Wollen wir uns von einer Gewohnheit befreien, dann wird uns ihre Macht erst richtig bewusst. Schon der römische Dichter Ovid, der vor über 2000 Jahren lebte, sagte: „Nichts ist mächtiger als eine Gewohnheit.“ Stark ausgeprägte Gewohnheiten lassen sich nicht einfach löschen, sie sind mit vielen Auslösern verbunden und entziehen sich unserer Kontrolle indem sie fast reflexhaft ablaufen.

Deshalb ist es zuerst einmal sehr wichtig, automatisierte Prozesse ins Bewusstsein zurückzuholen. Der Neocortex muss also die Kontrolle über die alten Gehirnbereiche, die schon bei den Dinosauriern vorhanden waren, zurückbekommen, was zu Beginn meist schwierig ist. Gewohnheiten müssen stückweise verändert und durch andere ersetzt werden. Man kann eine Gewohnheit „nicht einfach zum Fenster hinauswerfen, man muss sie Stufe für Stufe die Treppe herunterlocken“, wie der englische Schriftsteller Mark Twain bereits vor über hundert Jahren erkannte. Kleine Schritte, konkrete Pläne und positive Formulierungen bei der Zielfestlegung sind hilfreich. Da Gewohnheiten sehr stark an bestimmte Situationen gebunden sind, hilft es, diese nach Möglichkeit zu meiden. Kleine Erfolge sollten stets belohnt werden, damit die damit verbundenen positiven Gefühle neue Gewohnheiten entstehen lassen. Es braucht viel Geduld und Konsequenz, um Gewohnheiten zu verändern.

In manchen Fällen sind eigene Bemühungen aber nicht ausreichend. Haben sich Gewohnheiten zu stark einschränkenden Verhaltensweisen oder sogar in einen krankhaften Bereich entwickelt, wie dies z.B. bei Zwängen oder Suchterkrankungen der Fall ist, sollte ganz rasch professionelle Hilfe durch Psychologen oder Psychotherapeuten in Anspruch genommen werden. In verlässlicher Begleitung lässt es sich dem eigenen Dinosaurier erfolgreicher begegnen.

Mag.a Margit Gorgi

Klinische- und Gesundheitspsychologin

Herz-Kreislauf-Zentrum Groß Gerungs

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