Herzerkrankung und depressive Symptomatik – was Frauen und Männer oft unterschiedet

Viele unserer Patientinnen und Patienten erzählen, dass sie sich nach einem Herzinfarkt oder einer Herzoperation irgendwie verändert fühlen. „Ich bin nicht mehr dieselbe/derselbe wie vorher!“ ist eine häufige Äußerung.

Sie berichten von tiefer Niedergeschlagenheit, einem diffusen Gefühl von Traurigkeit und der Schwierigkeit etwas in Angriff zu nehmen-besonders in der Früh und am Vormittag. „Es ist, als hätte ich Schuhe aus Blei oder Beton an“ beschreibt es eine Patientin, „alles scheint so anstrengend, nichts macht mir mehr Freude!“. Dazu kommen oft massive Schlafstörungen, ein Verlust des sexuellen Interesses und manchmal ein verändertes Essverhalten. Als besonders quälend werden eine verminderte Konzentrations- und Merkfähigkeit sowie übergreifende Gefühle von Schuld oder Wertlosigkeit wahrgenommen.

All diese Symptome deuten ganz klar auf das Vorliegen einer depressiven Episode mit deutlichen körperlichen Begleiterscheinungen hin, wie sie den internationalen Diagnosesystemen wie z.B. dem ICD 10 (der WHO) für Frauen und Männer gleichermaßen (also „geschlechtsneutral“) beschrieben sind. Laut Statistik der WHO (2012) sind Depressionen das weltweit häufigste psychische Leiden (über 350 Millionen Betroffene!), es sind aber mehr als doppelt so viele Frauen diagnostiziert wie Männer.

Vor allem Männer berichten im psychologischen Gespräch immer wieder auch von anderen psychischen Veränderungen, die auf den ersten Blick mit einer depressiven Symptomatik nichts zu tun haben: Sie nehmen schon bei geringfügigen Belastungen eine verstärkte Ungeduld und Reizbarkeit bei sich wahr. Gelegentlich kommt es zu unvermittelten heftigen Wutausbrüchen, die völlig unverhältnismäßig zum Auslöser scheinen.

Depressionsforscher beschäftigen sich in letzter Zeit intensiv mit geschlechtsspezifischen Unterschieden. Sie haben festgestellt, dass sich Depressionen bei Männern verstärkt durch Unruhe, Reizbarkeit und Aggressivität äußern, manchmal in Verbindung mit riskantem und irrationalem Verhalten. Da diese Symptome sich deutlich von den klassischen Diagnosekriterien unterscheiden, bleiben Depressionen bei Männern häufig unerkannt. Das könnte die Erklärung für die große Diskrepanz in der Statistik der WHO sein.

Eine endgültige Erklärung für die Unterschiede in der Symptomatik konnte noch nicht gefunden werden. Während eine Gruppe von Experten eher Gründe in gesellschaftlichen Normen („ein Mann weint nicht“) sehen, zeigen sich in neueren Studien Hinweise darauf, dass die Sexualhormone eine wichtige Rolle spielen könnten. Diese wirken auf Gehirnentwicklung und Gefühlshaushalt. Weitere intensive Forschungen zu diesem Thema sind also nötig, besonders da festgestellt wurde, dass Männer und Frauen auch unterschiedlich gut auf verschiedene Arten von Antidepressiva. ansprechen.

Im Rahmen der psychologischen Behandlung ist es ganz wesentlich, die individuellen psychischen Veränderungen unserer Patienten nach einem Herzereignis zu erfragen. Die unvermittelte Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit, die durch eine Erkrankung des Herzens präsenter wird als durch viele andere Erkrankungen, löst bei vielen Menschen große Ängste und eine vielschichtige depressive Symptomatik aus. Diese trägt, wenn sie nicht erkannt wird, zu einer weiteren Verunsicherung der Patienten bei. Durch Aufklärung über die Ursachen der psychischen Veränderungen und eine adäquate psychologische Behandlung , aber auch durch eine zunehmende Sicherheit im Umgang mit dem eigenen Körper während des Rehaaufenthaltes, bilden sich die Symptome wieder zurück, und es kommt zu einer deutlichen Stimmungsverbesserung.

Mag. Margit Gorgi

 

Bild: iStock