Herzerkrankung und depressive Symptomatik – was Frauen und Männer oft unterscheidet

Viele unserer Patientinnen und Patienten erzählen, dass sie sich nach einem Herzinfarkt oder einer Herzoperation irgendwie verändert fühlen. „Ich bin nicht mehr dieselbe/derselbe wie vorher!“ ist eine häufige Äußerung. Die plötzliche und oft unerwartete Konfrontation mit einer lebensbedrohlichen Situation wirkt sich stark auf das psychische Erleben aus.  

„Seit meiner Herzerkrankung erkenne ich mich selbst nicht wieder.“

Sie berichten von tiefer Niedergeschlagenheit, einem diffusen Gefühl von Traurigkeit und der Schwierigkeit etwas in Angriff zu nehmen, besonders in der Früh und am Vormittag. „Es ist, als hätte ich Schuhe aus Blei an“ beschreibt es eine Patientin, „alles scheint so anstrengend, nichts macht mir mehr Freude!“. Dazu kommen massive Schlafstörungen, ein Verlust des sexuellen Interesses und manchmal ein verändertes Essverhalten. Als besonders quälend werden eine verminderte Konzentrations- und Merkfähigkeit sowie andauernde Gefühle von Schuld oder Wertlosigkeit wahrgenommen.

Depressionen sind das weltweit häufigste psychische Leiden.

All diese Symptome deuten auf das Vorliegen einer depressiven Episode mit körperlichen Begleiterscheinungen hin, wie sie den internationalen Diagnosesystemen, z.B. dem ICD 10 (der WHO), für Frauen und Männer gleichermaßen (also „geschlechtsneutral“) beschrieben sind. Laut Statistik der WHO sind Depressionen das weltweit häufigste psychische Leiden mit über 350 Millionen Betroffenen, der deutliche Anstieg durch die Corona Pandemie ist hier noch nicht eingerechnet.

Es sind mehr als doppelt so viele Frauen diagnostiziert wie Männer.

Daraus könnte man schließen, dass deutlich mehr Frauen als Männer von Depressionen betroffen sind. Im klinischen Alltag kann das so nicht bestätigt werden. Es scheint vielmehr, dass die Diagnosekriterien verstärkt die weibliche Symptomatik einer Depression widerspiegeln. Deshalb dürfte die Dunkelziffer bei Männern deutlich höher liegen.

Eine Depression bleibt bei Männern häufig unentdeckt.

Männer zeigen oft andere Symptome, denen aber trotzdem eine depressive Störung zugrunde liegt. Sie berichten im psychologischen Gespräch immer wieder von psychischen Veränderungen, die auf den ersten Blick mit einer depressiven Symptomatik nichts zu tun haben.

So ist z.B. ein ausgeprägtes Leistungsdenken mit hohen Erwartungen an sich selbst ein Merkmal vieler depressiver Männer. Soziale Anerkennung ist ihnen wichtig, deshalb erhöhen sie ihr Engagement in Beruf und Freizeit bis zur körperlichen und psychischen Erschöpfung. Phasen der Antriebslosigkeit wechseln dann mit Zeiten von Überaktivität und Getriebenheit.

Sie nehmen oft auch eine verstärkte Ungeduld und Reizbarkeit bei sich wahr. Gelegentlich kommt es sogar zu aufbrausendem Verhalten oder unvermittelten heftigen Wutausbrüchen, die völlig unverhältnismäßig zum Auslöser scheinen. Das führt natürlich verstärkt zu Konflikten in Beruf und Familie.

Zunehmende Probleme in Familie und Beruf

Ein 43-jähriger Patient erzählte völlig verzweifelt: „Ich liebe meine Kinder über alles. Früher habe ich mit ihnen gespielt und herumgetobt und dabei selbst viel Spaß gehabt. Seit meinem Herzinfarkt vor einem halben Jahr macht mich schon der geringste Lärm ganz nervös. Ich schreie die Kinder dann an oder ziehe mich zurück. Das tut mir danach schrecklich leid, aber ich fühle mich so rasch angestrengt und überfordert.“

Manche Patienten schildern, dass es ihnen schwer falle ruhig zu sitzen oder ein entspanntes Gespräch mit der Partnerin zu führen. Sie neigen vermehrt zu Vorwürfen und nachtragendem Verhalten. Zärtlichkeit und sexuelle Aktivitäten sind kaum noch vorhanden, es gibt häufig Streit, die Beziehung leidet.

Trotz gesteigerter Aktivität können depressive Männer angefangene Dinge meist nur schwer zu Ende führen, sie wechseln von einer Tätigkeit zur nächsten. Durch übertriebene „Action“ wird sehr oft versucht, die dahinterliegende Niedergeschlagenheit zu verbergen. Es kommt auch vermehrt zu Substanzmissbrauch ( Alkohol, Medikamente, Nikotin usw.).

Beruflich versuchen sie, Einbrüche in der Leistungsfähigkeit mit intensivem Zeitaufwand wie Überstunden zu kompensieren. Immer wieder wird von zunehmenden Problemen mit Kolleginnen und Kollegen berichtet.

Eine Herzerkrankung verstärkt die Symptomatik.

Im Zusammenhang mit einer Herzerkrankung wird die Symptomatik nochmals deutlicher. Da erst gelingt es vielen Männern, über ihre psychischen Probleme zu sprechen. Oft wurde die depressive Episode aber nicht durch die Herzerkrankung ausgelöst, sondern bestand vermutlich bereits länger zuvor unerkannt.

Forschung zu geschlechtsspezifischen Unterschieden bei Depression

Depressionsforscher:innen beschäftigen sich in letzter Zeit intensiv mit geschlechtsspezifischen Unterschieden. Sie haben festgestellt, dass sich Depressionen bei Männern verstärkt durch Unruhe, Reizbarkeit und Aggressivität äußern, manchmal in Verbindung mit riskantem und irrationalem Verhalten. Da diese Symptome nicht den klassischen Diagnosekriterien entsprechen, bleiben Depressionen bei Männern häufig unerkannt. Das könnte die Erklärung für die große Diskrepanz in der Statistik der WHO sein.

Gesellschaftliche und biologische Erklärungen für die unterschiedliche Symptomatik

Eine endgültige Erklärung für die Unterschiede in der Symptomatik konnte noch nicht gefunden werden. Während eine Gruppe von Expert:innen eher Gründe in gesellschaftlichen Normen („ein Mann weint nicht“) sehen, zeigen sich in neueren Studien Hinweise darauf, dass auch die Sexualhormone eine wichtige Rolle spielen könnten. Diese wirken auf Gehirnentwicklung und Gefühlshaushalt. Weitere intensive Forschungen zu diesem Thema sind also nötig, besonders da festgestellt wurde, dass Männer und Frauen auch unterschiedlich gut auf verschiedene Arten von Antidepressiva ansprechen.

Ein Rehaaufenthalt dient auch der psychischen Stabilisierung und dem Wiederfinden von Sicherheit

Im Rahmen der psychologischen Behandlung im Herz-Kreislauf-Zentrum Groß Gerungs ist es für uns wesentlich, sowohl die beruflichen und privaten Belastungsfaktoren unserer Patientinnen und Patienten als auch die wahrgenommenen psychischen Veränderungen nach einem Herzereignis zu erfragen.

Die unvermittelte Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit, die durch eine Erkrankung des Herzens präsenter wird als durch viele andere Erkrankungen, löst bei vielen Menschen große Ängste und eine vielschichtige depressive Symptomatik aus. Diese trägt, wenn sie nicht erkannt wird, zu einer weiteren Verunsicherung der Patienten bei.

Durch Aufklärung über die Ursachen der psychischen Veränderungen und eine adäquate psychologische Behandlung, aber auch durch eine zunehmende Sicherheit im Umgang mit dem eigenen Körper, bilden sich die Symptome wieder zurück. So kommt es während des Rehaaufenthaltes zu einer deutlichen Stimmungsverbesserung. Gleichzeitig bietet die Zeit hier auch eine gute Möglichkeit, eigene Belastungsfaktoren zu überdenken und nach Möglichkeit Veränderungen in Angriff zu nehmen.

Mag.a Margit Gorgi, Klinische- und Gesundheitspsychologin
Herz-Kreislauf-Zentrum Groß Gerungs

 

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