Eine Geschichte von tausend kleinen Spiegeln

Gute Laune ist ansteckend

Kennen Sie das Gefühl, wenn Ihre Stimmung nach einer zufälligen kurzen Begegnung mit einem Bekannten oder einer Freundin irgendwie verändert ist, selbst wenn sich das Gespräch nur um ein belangloses Thema gedreht hat? Vielleicht fühlen Sie sich danach irgendwie leichter und beschwingter, die Umgebung wirkt farbiger und ein Problem, das Sie vorher in Gedanken gewälzt haben, ist plötzlich weniger wichtig. Vielleicht fühlen Sie sich aber auch angestrengter, erschöpfter, alles erscheint irgendwie dunkler und grauer. Meist wird uns diese kleine Stimmungsschwankung gar nicht richtig bewusst, trotzdem kann sie uns den restlichen Tag begleiten.

Gefühls- und Stimmungsübertragung

Wie lassen sich solche Veränderungen erklären? Sie beruhen auf unserer unbewussten Wahrnehmung von bestimmten Signalen, die andere Menschen aussenden. Begegnen wir jemandem, der fröhlich ist, fühlen wir uns danach eher auch besser, treffen wir jemanden, der in einer niedergeschlagenen Stimmung ist, schlägt sich das bei uns oft ebenfalls ein wenig aufs Gemüt.

Als soziale Wesen sind wir darauf angewiesen, rasch die Stimmung unseres Gegenübers einzuschätzen, um zu erkennen, ob wir in seiner Gegenwart sicher sind. So registriert unser Gehirn ständig die Veränderungen von Mimik, Haltung, Stimmklang, Atmung usw. und verarbeitet sie zu einem Gesamteindruck.

Über die Kraft der Spiegelneuronen

Unterstützt werden wir dabei von unseren sogenannten „Spiegelneuronen“.

Spiegelneuronen sind bestimmte Gehirnzellen, die uns dazu befähigen, ganz automatisch unseren Gesichtsausdruck, aber auch unsere Haltung, an unser Gegenüber anzupassen. Dieses instinktive Verhalten erleichtert die soziale Kontaktaufnahme, das Gegenüber fühlt sich verstanden und dadurch in unserer Gegenwart wohler. Je empathischer ein Mensch ist, desto deutlicher ist oft das Spiegeln des anderen sichtbar. Spiegelneuronen sind schon bei sehr kleinen Kindern aktiv, sie bewirken, dass ein Baby zurücklächelt, wenn wir es anlächeln, oder dass es sogar zu weinen beginnt, wenn wir ein ernstes Gesicht machen.

Eine gebeugte Haltung und ein gesenkter Blick werden beim Menschen sowie bei vielen Tieren mit einem depressiven Zustand verbunden, eine entspannte und zugewandte Haltung sowie ein offener Blick mit einer positiven Stimmung. Übernehmen wir in einer sozialen Interaktion die Haltung und Mimik unseres Gegenübers, registriert unser Gehirn diese Veränderung und passt aufgrund von Erfahrung die Gemütslage an. So helfen uns unsere Spiegelneuronen zu spüren, was andere Menschen empfinden.

Andere mit positiver Stimmung "anstecken"

Unsere Spiegelneuronen machen uns also anfällig für die Stimmungslage anderer Menschen. Sie bieten uns aber auch die wunderbare Möglichkeit, andere mit unserer positiven Stimmung „anzustecken“.

Selbst wenn unser Lächeln aufgrund der aktuellen Situation manchmal durch eine Maske verdeckt ist, können wir durch einen freundlichen Blick, eine „entrunzelte“ Stirn, eine wohlwollende Geste und durch eine zugewandte Haltung dem Gegenüber signalisieren, dass wir Freude an der Begegnung haben. Dadurch wird sich auch der andere sich wohler fühlen und positive Signale an uns zurücksenden.

"Tempel der tausend Spiegel"

Das alte indische Märchen vom „Tempel der tausend Spiegel“, das ich Ihnen zum Schluss noch erzählen möchte, symbolisiert diese Wechselwirkung mit unserer Umgebung sehr schön.

Einst kam einmal ein Hund in den Tempel der tausend Spiegel und sah dort tausend andere Hunde. Da wurde er unruhig und schaute sich misstrauisch um. Tausend andere Hunde wurden unruhig und schauten sich misstrauisch um. Er begann zu knurren und die Zähne zu fletschen. Tausend andere Hunde begannen zu knurren und die Zähne zu fletschen. Da packte ihn die Angst und er flüchtete panisch aus dem Tempel.

Einige Zeit später kam ein anderer Hund in den Tempel der tausend Spiegel und sah tausend andere Hunde, die ihn anschauten. Er hob erfreut seinen Kopf und tausend andere Hunde hoben erfreut den Kopf. Er schaute sie freundlich an und begann mit dem Schwanz zu wedeln. Und tausend andere Hunde schauten ihn freundlich an und begannen mit dem Schwanz zu wedeln. „Was für ein schöner Ort!“, dachte der Hund und verließ gut gelaunt den Tempel.

Ich wünsche Ihnen viele frohe Erlebnisse in Ihrem persönlichen Tempel der tausend Spiegel!

Mag. Margit Gorgi, Klinische und Gesundheitspsychologin
Herz-Kreislauf-Zentrum Groß Gerungs