Der kleine Makel

In unserer Zeit der permanenten Selbstoptimierung ist kein Platz für einen Makel oder eine Unzulänglichkeit. Alles muss perfekt sein. So zumindest suggeriert es uns die Werbung.

Was aber tun, wenn ein kleiner Makel nicht einfach beseitigbar ist?

Eine Patientin hatte Herzrhythmusstörungen und einen Eingriff am Herzen (Ablation), gut überstanden. Sie erholte sich gut und profitierte sehr vom täglichen Training im Herz-Kreislauf-Zentrum Groß Gerungs. Eigentlich hätten wir die Beratung hier beenden können, wäre da nicht noch ein kleines Problem gewesen, dass die Patientin mit mir besprechen wollte.

Sie litt schon seit knapp dreißig Jahren an einem Tremor in den Händen. Dies war im Alltag kein Problem für sie, aber in speziellen öffentlichen Situationen wurde der Tremor stärker. Besonders unangenehm hatte sie ein Bankett in Erinnerung bei dem sie gebeten wurde, den Sekt einzugießen und eine Bekannte laut von sich gab: „Du zitterst ja!“

Sie hatte schon alles Mögliche versucht, den Tremor loszuwerden. Entspannungstechniken, Medikamente, … nichts half. So versuchte sie, Situationen in denen der Tremor sichtbar werden könnte, zu vermeiden. Diese Strategie war so weit erfolgreich, so war sie sich sicher, dass an ihrer Arbeitsstelle noch niemand ihr Problem bemerkt hatte, aber schränkte sie doch ein.

Der Tremor dürfte einen neurologischen Hintergrund haben, der sich unter Stress verstärkt. Die neurologische Seite kann ich als Psychologe nicht beeinflussen, bleibt der Stress. Die Patientin hat mit dem Zittern vor allem einen „Stress“, weil es ihr unangenehm ist. Sie befürchtete, es könnte ihr als Schwäche ausgelegt werden. Wäre ihr das Zittern egal oder würde sie damit einen offenen Umgang pflegen, würde es sie nicht belasten. Der Stress wäre geringer, was sich wieder positiv auf den Tremor auswirken würde.

Dieser Ansatz war für die Patienten neu. Was sollte sie tun? Das Zittern sollte ihr egal werden? Sie sollte damit einen offenen Umgang pflegen? Sie sollte sich damit anfreunden? Sie solle es einfach akzeptieren?

Ich ging noch weiter. Sollte Ihr dies gelingen, könnte sie das Zittern vielleicht sogar für sich nützen. Was? Wie denn das?

Menschen, die es schaffen, sich eine Schwäche einzugestehen, wirken sympathisch / menschlich. In einer angespannten Situation kann das eine befreiende Wirkung haben. Nach dem Motto: „Nobody is perfect.“

Menschen, die einen Makel an sich akzeptiert haben und damit einen offenen Umgang pflegen, können daraus ein Markenzeichen machen, wie z.B. das Model Cindy Crowford mit ihrem Leberfleck links über der Oberlippe. Sie hätte sich den wegnehmen lassen können. Sie ist aber dazu gestanden, und so blieb ihr Gesicht, unter den vielen schönen Gesichtern der Modewelt, unverwechselbar. Arnold Schwarzenegger schlug ein Agent einer Schauspielagentur vor, einen Künstlernamen anzunehmen, da sein Name für Amerikaner unaussprechbar sei. Darauf er: „Wenn ich einmal berühmt bin, dann werden sie den Namen auch aussprechen können.“ Er hat da wohl recht behalten.

So gesehen ist es "der kleine Makel" der uns menschlich und besonders macht.

Klinischer- und Gesundheitspsychologe

Mag. Alexander Urtz MBA

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