Bin ich nur „schlecht drauf“ oder leide ich an einer Depression?

Regelmäßig finden sich in den Medien Berichte, die von einer starken Zunahme psychischer Erkrankungen seit Beginn der Corona Pandemie berichten. Besonders die schon zuvor sehr hohe Zahl an Depressionen ist massiv im Ansteigen.

Außergewöhnliche Belastungen während Corona

Angst vor eigener Ansteckung mit dem Coronavirus oder der von geliebten Angehörigen, Verunsicherung durch widersprüchliche Informationen über Virus,  Impfungen und Maßnahmen, soziale Isolation und Wegfall von liebgewonnenen Freizeitaktivitäten, Sorge um den Arbeitsplatz oder Verlust des Jobs verbunden mit Existenzängsten, Überforderung und Erschöpfung durch Homeoffice und gleichzeitige Betreuung von Kindern beim Homeschooling – die Liste der außergewöhnlichen psychischen Belastungen während der letzten beiden Jahre ließe sich beliebig fortsetzen.

Nur schlecht gelaunt oder depressiv?

Als wäre das noch nicht genug, jagt in den letzten Monaten eine schlechte Nachricht die nächste: Krieg in Europa, Energiekrise, massive Teuerungen usw. beherrschen die Berichterstattung in den Medien. Dass all das nicht dazu beiträgt, die Laune zu heben, liegt auf der Hand.

Wie unterscheidet man aber zwischen einer vorübergehenden Niedergeschlagenheit mit depressiver Stimmungslage und der krankheitswertigen psychischen Störung einer Depression?

Depressive Menschen erleben viel Unverständnis

Obwohl Depressionen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen gehören, werden sie gleichzeitig am meisten unterschätzt. Betroffene werden oft nicht ernst genommen und hören gut gemeinte Ratschläge wie „Du brauchst nur ein bisschen Urlaub“, „Denk doch positiv“ und dass doch „eh alles nicht so schlimm“ sei. Besonders kränkend für depressive Menschen ist das oft leichtfertig dahingesagte „Reiß dich doch zusammen!“, als wäre das eine ganz einfache Sache.

Scham- und Schuldgefühle sind Symptome einer Depression

Diese Abwertung durch die Umgebung ist vor allem deshalb so belastend für Betroffene, weil Scham und Schuldgefühle sowieso zu den Symptomen einer Depression gehören.

Depressive Menschen fühlen sich wertlos und schämen sich für das, was als Schwäche oder Versagen wahrgenommen wird. Verstärkt werden diese Gefühle noch, wenn es für die Depression keinen nachvollziehbaren Auslöser gibt. Obwohl in vielen Fällen aktuelle Ereignisse wie ein Jobverlust, eine lebensbedrohliche Erkrankung oder eine Trennung eine Depression auslösen können, ist das nicht zwingend der Fall.

Viele Depressionen scheinen aus dem Nichts zu kommen, sie können fast schlagartig auftreten oder sich über Tage oder Wochen schleichend entwickeln.

Zusammenwirken biologischer und psychosozialer Ursachen

Eine klinische Depression hat immer einen sehr starken biologischen Anteil, der sogenannte Stoffwechsel im Gehirn, also die Chemie und die Kommunikationsfähigkeit der Gehirnzellen, ist deutlich verändert und herabgesetzt.

Antrieb und kognitive Leistungsfähigkeit sind beeinträchtigt

Betroffene können sich kaum oder gar nicht dazu aufraffen, auch nur alltäglichste Dinge zu erledigen, sind sehr rasch erschöpft, haben an nichts mehr Freude und fühlen sich wie ausgebrannt.

Dazu kommen Symptome wie eine geringere Aufmerksamkeitsspanne, eine mangelnde Konzentrationsfähigkeit und herabgesetzte Gedächtnisleistungen, die das Gefühl des Versagens noch verstärken. Vor allem bei alten Menschen wird eine Depression häufig mit einer beginnenden Demenz verwechselt. Während bei einer Demenz jedoch die kognitiven Leistungen immer mehr abnehmen, sind nach einer erfolgreichen Behandlung einer Depression die Gedächtnisleistungen wieder hergestellt.

Schlafstörungen

Ein wesentliches Leitsymptom einer Depression sind anhaltende massive Schlafstörungen, vor allem regelmäßiges nächtliches oder frühmorgendliches Erwachen mit anschließenden stundenlangen Wachphasen, in denen es zum intensiven Kreisen von negativen Gedanken, zu körperlicher Unruhe und zu Gefühlen innerer Leere kommt, auch Suizidgedanken können auftreten.

Andererseits können wochenlang anhaltende Schlafstörungen auch aufgrund der fehlenden Regeneration für das Gehirn Depressionen auslösen und sollten daher immer fachlich abgeklärt und behandelt werden. (Schlafstörungen)

„Morgentief“

Depressive Menschen fühlen sich in der Früh immer erschöpft, gleich wie viel Zeit sie im Bett verbracht haben. Das Aufstehen ist extrem anstrengend, bei schweren Verläufen oft gar nicht mehr möglich.

Das „Morgentief“ mit einer leichten Besserung der Symptomatik im Laufe des Tages ist ein üblicher Verlauf. Es kann aber auch zu einem ausgeprägten Abendtief kommen.

Positive emotionale Ausdrucksfähigkeit geht verloren

Bei einer depressiven Störung geht die Fähigkeit verloren, sich über eigentlich positive Erfahrungen zu freuen. Viele Betroffene zeigen eine starre Mimik und eine reduzierte Gestik, auch die Stimme klingt leise und ausdrucksschwach.

Sozialer Rückzug und Libidoverlust

Das Interesse an sozialen Aktivitäten und Austausch mit Familie und Freunden schwindet, ebenso kommt es zu einem deutlichen Libidoverlust. Die Menschen ziehen sich immer mehr zurück. Für Angehörige ist das in vielen Fällen nicht nachvollziehbar, manche fühlen sich gekränkt und zurückgewiesen. Die daraus entstehenden Konflikte verstärken die Symptome noch und führen zu weiterem sozialem Rückzug.

Unterschiedliche Schweregrade einer Depression:

Je nach Schwere der Symptomatik wird zwischen leichter, mittelgradiger und schwerer Depression unterschieden.

Bei schweren Depressionen kann es manchmal auch zu psychotischen Symptomen (Halluzinationen, Wahnideen) kommen. Schwere Depressionen sind meist, vor allem aufgrund der hohen Selbstgefährdung, nur in einem stationären Aufenthalt gut zu behandeln.


Woran erkenne ich eine Depression?

  • Ich wache täglich sehr früh auf und kann dann nicht mehr einschlafen.
  • In der Früh komme ich kaum aus dem Bett. Ich kann meinen Alltag nur schwer bewältigen und bin sehr rasch erschöpft.
  • Meine Stimmung ist über den Tagesverlauf anhaltend schlecht. Sie bessert sich auch nicht, wenn ich positive Erfahrungen mache.
  • Ich habe an nichts Interesse und Freude, auch nicht an Tätigkeiten oder Ereignissen, die mich sonst glücklich machen.
  • Ich möchte am liebsten mit niemandem sprechen und niemanden sehen.
  • Ich fühle mich wie erstarrt oder bin extrem unruhig.
  • Meine Konzentration und mein Gedächtnis sind deutlich schlechter.
  • Ich fühle mich wertlos und schäme mich für meine Schwäche.
  • Mein Essverhalten hat sich verändert. (kein Appetit, nichts schmeckt, manchmal unkontrolliertes Essen)
  • Ich habe kein Interesse an sexuellen Aktivitäten.
  • Ich bin emotional wie betäubt oder sehr leicht reizbar.
  • Ich sehe die Zukunft nur negativ. Ich möchte am liebsten nicht mehr da sein.

Wenn drei oder mehr der oben genannten Punkte auf Sie zutreffen und die Symptome über einen Zeitraum von 2 Wochen anhalten, besteht der Verdacht auf das Vorliegen einer Depression.

Erste Ansprechperson kann die Hausärztin oder der Hausarzt des Vertrauens sein. Es sollte möglichst rasch eine fachärztliche oder klinische psychologische Abklärung erfolgen.


Psychologische und medikamentöse Behandlung hilft

Depressionen sind in der Regel gut psychologisch oder psychotherapeutisch behandelbar. Bei schwerer Symptomatik ist eine Einstellung auf ein Antidepressivum zu empfehlen. Dieses kann die gestörten Hirnfunktionen wieder regulieren und erhöht dadurch den Antrieb, was oft erst die Energie für eine psychotherapeutische Behandlung bereitstellt. Antidepressiva stabilisieren auch, wirken stimmungsaufhellend, angstreduzierend und schlaffördernd.

Antidepressiva machen nicht abhängig

Entgegen der häufig vorherrschenden Meinung machen Antidepressiva nicht abhängig! Sie müssen allerdings regelmäßig über einen längeren Zeitraum eingenommen werden, damit sie ihre Wirkung entfalten können. Diese tritt in der Regel erst nach 2-3 Wochen ein. Die Einstellung sollte unbedingt von einem Psychiater oder einer Psychiaterin vorgenommen werden, eine regelmäßige Kontrolle ist wesentlich.

Mag.a Margit Gorgi, Klinische- und Gesundheitspsychologin
Herz-Kreislauf-Zentrum Groß Gerungs

 

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